Kategorien
Fotos, Texte & Themen Israel Nahost / Middle East / Le Proche Orient soscheescho. der reiseblog Städte

Tel Aviv: Leben in der Seifenblase

Zuletzt aktualisiert am 20. September 2017 um 16:19

meine Stadtentdeckung Tel Aviv im golbetrotter Magazin

Tel Aviv. Do you like Israel?», fragt mich der Taxifahrer auf dem Weg in die Stadt. Bevor ich antworten kann, ergänzt er: «I don’t.» Er sei 58, hier geboren und werde hier sterben. Aber die jungen Leute hätten keine Perspektive. «Alles ist viel zu teuer, und die Gehälter sind viel zu niedrig.» Sein Sohn habe nach New York geheiratet. Dort gehe es ihm besser.

Wir fahren am Savidor Central Bahnhof vorbei. Im Park gegenüber stehen noch die Zelte der jungen Leute, die 2011 zu Tausenden gegen die explodierenden Preise und die horrenden Mieten im Land protestiert haben. Folien und Zeltplanen flattern im Wind. Ein paar Schilder erklären, worum es geht. Der Fahrer fährt fort: «Einst hat mir Israels grösste Fabrik für Autoteile gehört. Dann machte die Firma Pleite und nach einem Herzinfarkt begann ich, übergangsweise Taxi zu fahren.» Ein gutes Geschäft sei das zwar nicht, aber es schone seine Nerven, hinter dem Steuer habe er seine Ruhe. Der Taxifahrer ist nur einer von vielen, der mir hier in Tel Aviv offen aus seinem Leben erzählt – nirgendwo sonst habe ich das in dieser Direktheit erlebt.

Chabad Lubawitscher Juden werben in den Straßen von tel Aviv um Juden, Foto: Robert B. Fishman, ecomedia, 21.2.2014
Chabad Lubawitscher Juden werben in den Straßen von tel Aviv um Juden, Foto: Robert B. Fishman, ecomedia, 21.2.2014

Gegensätze. In Tel Aviv prallen Lebenswelten ungebremst aufeinander: Armut, Luxus, Juden, Araber, Weltliche, Antireligiöse, Fromme unterschiedlichster Strömungen. Nach der Gründung des Staates zogen Juden aus der ganzen Welt in die neue Heimat – die meisten aus Europa, Nordafrika, dem Irak und Jemen. Nach 1990 kamen eine Million ehemalige Sowjetbürger und die Äthiopier. So entstand in dem winzigen Land ein Schmelztiegel von Traditionen und Kulturen. Menschen aus der westlichen Welt leben mit Einwanderern zusammen, die bis zu ihrer Ankunft in Israel in Stroh- und Lehmhütten ohne Strom- oder Wasseranschluss wohnten. Dazu kommt die arabische Minderheit. Sie repräsentiert einen Fünftel der Bevölkerung mit eigenen Schulen, Moscheen, Parteien und einem Alltag, von dem die meisten jüdischen Israelis wenig wissen.

Afrika im wilden Süden von Tel Aviv

In den Strassen rund um den Levinsky-Park haben einige der Eritreer und Sudanesen kleine Läden aufgemacht, verkaufen Handys, Sonnenbrillen oder Kleinkram. Dazwischen bieten Gewürz- und Lebensmittelläden ausgefallene orientalische Leckereien an. Viele bekannte israelische Köche kaufen hier gerne ein. Auch immer mehr Touristen entdecken diesen orientalischsten Teil Tel Avis, den  Levinsky Market. Viele Schaufenster sind in Tigrinya, der eritreischen Sprache, beschriftet. Junge Afrikaner hocken oder stehen am Strassenrand, unterhalten sich mit Freunden und schlagen die Zeit tot.

Ein alter Israeli spricht mich auf meine Sandalen an. «Er habe richtige Schuhe», sagt der hagere Mann erst auf Hebräisch, dann in gebrochenem Englisch und zeigt auf seinen winzigen Schuhladen. Das Geschäft habe sein Vater vor 65 Jahren eröffnet. Über die vielen Afrikaner im Viertel freut er sich nicht. «They are not my friends», schimpft er. Für weitere Erklärungen finden wir keine gemeinsame Sprache…. weiterlesen

MerkenMerken

MerkenMerken

MerkenMerken

Von Robert B Fishman

freier Journalist, Autor (Hörfunk und Print), Fotograf, Moderator, Reiseleiter und mehr

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*