Zuletzt aktualisiert am 26. September 2017 um 21:14
Tel Aviv. Hier überbieten sie alles, was ich bis jetzt an Fürsorge für den Herren von der schreibenden und fotografierenden Zunft erlebt habe: Luxushotel mit Eintrittskarte in die „Executive-Lounge“*. Zwischen 18 und 21 Uhr gebe es, so der junge Mann dort an der Rezeption, für die Loungekarteninhaber ein freies Abendessen. Angesichts der horrenden Preise in dieser Stadt ein verlockendes Angebot.
Journalisten sind Termiten. Die fressen sich überall durch. Dank Mietfahrrad, mit dem ich die Strandpromenade entlanggesaust bin (Es sollte etwas umsonst geben, da kann ich schon mal etwas schneller in die Pedale treten ;-)), schaffe ich es vermeintlich rechtzeitig in die Lounge. Das Essen gab es bis 20 Uhr, Fehlinformation – die Kellnerin „feels very, very sorry“. Ich muss sehr hungrig und entttäuscht ausgesehen haben. Einer der Kellner fragt seine Kollegin etwas wie „ejn li klum“, also vermutlich „Gibt es denn gar nichts mehr?“ Prompt ergreift auch die junge Frau das Mitleid. Sie bietet mir ein paar Snacks an: Eine Schale mit Nüssen und eine mit kleinen Tomaten, dazu ein Brötchen mit Butter. Auch das Kuchenbüffet ist noch nicht abgeräumt. Wieder haben mich Israelis mit ihrer Flexibilität beeindruckt. Was nicht geht wird gehend gemacht.
So war es schon eine Stunde zuvor im Fahrradladen „O-Fun“ an der Nordau – Ecke Ben Yehuda Straße. 460 Schekel (rund 100 Euro) sollte ein Mietrad laut Preisliste für eine knappe Woche kosten. Fand ich zu teuer, wie ich dem Mann hinter der Theke sagte. Ich erzählte ihm, warum ich hier bin und dass ich das Rad als Arbeitsmittel für meine Recherchetouren brauche (war ja nicht mal gelogen). Gerechnet habe ich mit einem Preisnachlass. Seine Antwort: „Ich gebe es Dir kostenlos“.*
Viele Israelis lassen mit sich reden – und erzählen gerne. So erfahre ich von ihm gleich nach seinem Blick auf meinen deutsche Kreditkarte (zur Sicherheit hat er sich die Nummer aufgeschrieben, falls ich mit dem Rad verschwinde), dass seine Großeltern aus Frankfurt stammten und gerade noch rechtzeitig vor dem Holocaust nach Südafrika geflohen seien: „Inzwischen sind wir alle hier, zumindest die, die überlebt haben.“ Fast alle hier, die – wie die meisten im Norden von Tel Aviv – aus Europa stammen, tragen eine solche Geschichte mit sich herum.
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P.S. * Ich achte darauf, dass diese Großzügigkeiten den Inhalt meiner Reportagen möglichst wenig beeinflussen. Gefragt hatte ich beim israelischen Verkehrsbüro nach einer günstigen Unterkunft. Ablehnen kann ich schlecht, weil die Honorare für meine Beiträge die Recherchekosten gar nicht decken würden – vom Geld verdienen mal ganz abgesehen.